NUREJEW-AUFFÜHRUNG AM MOSKAUER BOLSHOI-THEATER ABGESAGT

19.07.2017

Verboten, verschoben, vergessen ? Die Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater wurde seitens der Direktion kurzfristig abgesagt.

Die Absetzung oder auch das Verbot missliebiger Theaterstücke kennt man, zumindest im Osten. In der DDR konnten dann immerhin doch manche dieser Stücke in der Provinz gespielt werden, die an größeren Häusern keine Chance hatten. Ballette traf es seltener. Immerhin das Ballett „Der Bolzen“ von Dmitri Schostakowitsch erlebte zwar 1931 am Leningrader Kirov-Theater seine Uraufführung wurde aber kurze Zeit darauf abgesetzt. Zu linientreu befanden selbst die stalinistischen Linienrichter, auch musikalisch nicht der größe Wurf des Komponisten, inzwischen in einer Choregrafie von Alexei Ratmansky seit 2006 im Repertoire des Bolschoi-Theaters in Moskau. Auch der Genosse Stalin nahm erregt Anstoß, als er die nach ihrer Uraufführung, am 22. Januar 1934, im Leningrader Maly-Theater, der zwei Tage später schon die Mosauer Erstaufführung folge, bis dahin Schostakowitschs äußerst erfolgreiche Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, am 26. Januar 1936 im Moskauer Bolschoi-Theater sah. Zwei Tage später hieß es in der Presse, angeführt durch die linientreue Prawda, es handle sich hier um „Chaos statt Musik“. Stalin musste gar nichts anweisen, Kritiker, die bisher das Werk gelobt hatten, taten Abbitte, das Theater setzte die Aufführung ab, für lange Zeit war das Werk in der Sowjetunion verboten. Erst in der „Tauwetterperiode“ unter Chrustschow konnte 1963 in Moskau eine vom Komponisten gemilderte Fassung wieder aufgeführt werden. In Moskau kam die Urfassung erst im Jahre 2000 wieder zur Aufführung, in St. Petersburg (in der Sowjetunion Leningrad) schon vier Jahre zuvor. Wegen moralischer Anstößigkeit allerdings ließ schon der damailige Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, nach der Uraufführung, am 27. November 1926, die Ballettpantomime „Der wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók verbieten.

Rudolf Nurejew in seiner Garderobe an der Royal Ballet School, Baron’s Court, London, 1972 (Foto: Allen Arren, Wikimedia Commons)

Vor einem solchen Hintergrund, und hier sind nur markante Beispiele aufgeführt, verwundert es nicht, wenn angesichts der gegenwärtigen Turbulenzen um ein geplantes und drei Tage vor der Uraufführung abgestztes Stück über den Tänzer Rudolf Nurejew am Moskauer Bolschoi-Theater, von Zensur, von Einschränkung der Kunstfreiheit und im Zusammenhang mit einer hier unumgänglichen Thematik, von homophoben Zusammenhängen die Rede ist. Und dies in zweifacher Hinsicht, daraus dass Nurejew homosexuell war, dass er seine Neingung exzessiv auslebte, hat er selbst kein Geheimnis gemacht, allerdings auch erst, als er nach seiner Flucht in den Westen nicht mehr die Verfolgungen des Geheimdinstes KGB fürchten musste, wo man sich ebenso wie beim Staatssicherheitsdienst der DDR sehr dafür interessierte, wer wann und wo mit wem schlief. Zudem sparen ja auch manche der Biografien hier nicht mit teiweise unangemssenen und lediglich reißerischen Detailschilderungen. Homoseexualität war seit 1933 in der Sowjetunion gesetzlich verboten und wurde hart bestraft, Tausende verschwanden in Lagern. Auch wenn das gesetzliche Verbot nicht mehr gilt, die Diskriminierung und die Ablehnung großer Teile der Bevölkerung, begünstigt durch menschneverachtende Statements führender Politikerinnen und Politiker, vor allem auch durch die indifferente Haltung des Präsidenten Putins in dieser Frage, der sich im Hinblick auf die Einschränkung der öffentlichen Wahrnehmung homosexueller Menschen auf deren Schutz vor militanten Gegnern beruft, verhindern so gut wie jede angemessene öffentliche Diskussion oder gar kleinste Ansätze von Aufklärung. Kinderschutz und Jugendschutz können auch zu Todschlargumenten werden.
Auf diesem Hintergrund fällt es schwer sich vorzustellen, dass am ersten Oprenhaus des Staates, beim Ballett des Bolschoi-Theaters, das Leben eines schwulen Künstlers im Mittelpunkt einer großen, genreübergreifenden Produktion stehen soll. Und hat man Nurejew wirklich verzeihen können dass der damlaige Startänzer sich nach einem Gastspiel des Leningrader Kirov-Theaters 1961 in Paris abgesetzt hatte? In Abwesenheit wurde er zu mehrjähriger Lagerhaft verurteilt. Zudem kann man ja nicht erwarten, dass einer der angesagtesten Theater- und Filmregisseure Russlands wie Kirill Serebrennikow, gemeinsam mit dem renommierten Tänzer und Choreografen Juri Possochow, diese Themen ausblenden würde. Nein, so die Leitung des Theaters, es habe keine Direktive seitens der Regierung, seitens des Kulturministeriums gegeben, man habe allein die künstlerische Qualität im Blick und da habe sich eben herausgestellt, dass dieses Stück noch nicht aufführungsreif sei. Es gab Gerüchte, dass Bolschoi-Generaldirektor Wladimir Urin entsetzt gewesen sei, ob über den Inhalt oder das vorhandene, künstlerische Ergebnis wird in dieser Meldung des Standart nicht mitgeteilt. Urin wird nochmals zitiert, wie auch in vielen anderen Meldungen und Kommentaren, es handle sich um eine "künstlerische Entscheidung", und, das liest man nicht in allen Äußerungen, die Premiere finde statt, aber erst am 4. Mai 2018. Das wiederum sieht einer der Tänzer der Rolle des Nurejew, der ungenannt beliben möchte, laut Standart ganz anders, er bestätigt zwar dass es Probleme gegeben habe, das sei aber in einem solchen Prozess normal, so der Tänzer gegenüber AFP, "Deshalb glaubt auch niemand in der Truppe an die Begründung". Weiter kann man in der Meldung des Standart lesen, eine regierungsnahe Quelle habe dem dem unabhängigen Sender Rain TV gesagt, in dem Ballett sei es um "Freiheit für Schwule" gegangen, und dies habe wie eine "Provokation" gewirkt. In Russland ist Homosexualität weitgehend ein Tabu-Thema: Homo-Ehen sind verboten, der Ruf nach rechtlicher Gleichstellung Homosexueller wird abgelehnt. Ein seit 2013 geltendes Gesetz stellt positive Äußerungen über Homosexualität, angebliche "Homosexuellen-Propaganda", in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe. Für das umstrittene Werk war allerdings von vornherein vorgesehen eine Altersbgrenzung ab 18 Jahre durchzusetzen. In einem längeren Kommentar der New York Times, in dem immerhin die Möglichkeit einer Verschiebung der Uraufführung aus künstlerischen Gründen nicht gänzlich unberücksichtigt bleibt, gibt es auch einen Link zu einem Video, auf dem man einen kurzen Probenaschnitt sieht. Leider weiß man nicht, in welcher Phase der Proben diese Aufnahmen gemacht wurden, auf denen in der Tat noch sehr unfertig wirkende kurze Passgen zu sehen sind, allerdings könnten natürlich für die Hüter der Moral die als queere Gestalten schreitenden Tänzer in Higheels schon eines der Probleme sein, mit denen sie nicht umgehen möchten und deshalb zu verhindern suchen, es anderen Menschen zu ermöglichen. Inzwischen aber kursieren Fotos im Netz, die scheinen schon einen aktuelleren Stand wiederzugeben. Da sind auch diese Tänzer zu sehen, vor allem aber, und das dürfte bei den fürsorglichen Verantwortlichen Anstoß erregen, ein nackter Tänzer bei Hinteransicht und eine Videozuspielung eines nackten Mannes von vorn in voller Größe. Aber sollte es einem Regisseur vom Range Kirill Serebrennikow bei einem Werk über das widersprüchliche und auch zerrissene Leben eines Ausnahmekünstlers wie Rudolf Nurejew, der 1993 an AIDS qualvoll starb, wirklich nur um nackte Provokationen gehen? Das ist schwer vorstellbar, zumal man ihn als Opernregisseur ja auch hierzulande kennt. Natürlich, denkt man an seine Sicht auf „Salome“ an der Oper in Stuttgart, oder auf „Der Barbier von Sevilla“ an der Komischen Oper in Berlin, natürlich sind die Meinungen geteilt, natürlich gibt es Zustimmung und Ablehung. Ein Krtitiker der Süddeutschen Zeitung sieht Serebrennikows Inszeneirung der Rossini- Oper als Variante von Shakespeares abgründiger Komödie „Der Kaufmann von Venedig“, für den Kritiker der Welt sind das bemühte Witze. Über die Stuttgarter Salome kann man lesen, dass diese Inszeneirung so eindrucksvoll sei, wie man es noch nie gesehen habe, aber auch, dass sie schlicht „nachlässig“ sei. Aber ist das nicht eine der ersten Aufgaben des Theaters, auch des Tanzes, konstruktive Widersprüche hervorzurufen? Eine generübergreifende Musiktheater- und Ballettproduktion über eine so bedeutende und auch wiedersprüchliche Persönlichkeit wie Rudolf Nurejew böte sich an. Geht man allerdings davon aus, dass „Nurejew“ wie angekündigt im kommenden Jahr auf der Bühne des Moskauer Bolschoi-Theaters lebt, liebt, tanzt und stirbt, dann würde ja nicht zuletzt dafür sprechen, dass er dann wäre es in diesem Jahr 80 Jahre her, dass er am 17. März auf einer in der Transsibirischen Eisenbahn geboren worden wäre. Selbstverständlich mit den Beinen zuerst, wie sich allerdings nur er selbst erinnert. Am 6. Januar des nächsten Jahres wäre es auch genau 25 Jahre her, dass Rudolf Nurejew, der am 6. Januar 1993, in Frankreich, in Levallois-Perret, starb und sieben Tage später auf dem Russischen Friedhof von Sainte-Geneviève-des-Bois bestattet wurde.

Artikel von Boris Gruhl
 

Fotos von der Produktion findet man unter 
https://www.facebook.com/photo.php?fbid=319485261831344&set=a.104443273335545.1073741827.100013096172955&type=3&theater

 

 

 

 

           

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