MEGA ISRAEL eröffnet das zweite COLOURS INTERNATIONAL DANCE FESTIVAL in Stuttgart

07.07.2017

Tanz, Power pur und höchst sensible Zwischentöne.
Mit „Mega Israel“ wird das zweite Colours International Dance Festival von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart eröffnet

So muss ein Festival beginnen, will es eine Stadt wie derzeit Stuttgart mit einbeziehen, für alle Altersgruppen Angebote machen, und mit dem Tanz die Vielfalt dieser Kunst, die ohne Toleranz und Internationalität nicht möglich ist, Verbindendes schaffen, wo oft genug derzeit das Trennende Konjunktur hat. Zum zweiten Mal also „Colours International Dance Festival - Presented by Eric Gauthier“. Und wie könnte es anders sein, Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart eröffnet das Mega-Festival mit gut 20 internationalen Gastspielen namhafter Kompanien und Neuentdeckungen. Das Festival wird seinem Motto gerecht, die Vielfalt der Farben des Tanzes rund um die Welt zu präsentieren. Und diese Produktion zur Eröffnung mit dem programmatischen Titel „Mega Israel“ mit drei Stuttgarter Erstaufführungen von Hofesh Shechter, Sharon Eyal-Gai Behar und Ohad Naharin, birst vor Power und Provokation, nimmt gefangen in so zarten wie sensiblen Momenten um im nächsten Augenblick nicht nur den Pegel der Lautstärke dermaßen hoch zu fahren, dass die Wände wackeln. Aber was laut ist muss nicht Lärm sein.


Uprising © Regina Broke

Mit „Uprising“ von Hofesh Shechter wird der Abend eröffnet. Als hätten die sieben Tänzer von Gauthier Dance nur darauf gewartet, auf blanken Sohlen, ganz lässig und locker gekleidet, dass dieser dröhnende, rockende Beat wie man ihn bei Shechter kennt und erwartet, sie aufeinander los gehen lässt. Was heißt hier gehen, sie gehen sich an, Aggression ist angesagt, wer gibt den Ton, wer ist der coolste? Das könnte man schon so sehen und sähe doch nur einen Teil dieser Sicht nicht gänzlich unironischer Betrachtung männlicher Dominaztänze. Denn wie sollen sie sich nahe kommen, diese coolen Kerle, wenn sie nicht rempeln oder raufen. Und am Ende, wenn sich musikalische Fragmente romantischer Revolutionssymphonik zu den verzerrten Beats mischen, wenn sich die sieben Tänzer zu einem Barrikadenbild finden und ein rotes Minifähnchen im leichten Winde weht, dann ist es doch klar, Männer müssen tanzen, sonst sind sie verloren. Und dann, ebenfalls mit Power, kommen die Frauen.


Killer Pig © Regina Broke

„Killer Pig“ von Sharon Eyal-Gai Behar für sechs Tänzerinnen, nicht ganz unähnlich den männlichen Rivalitätstänzen davor. Nur scheinen sie jetzt schon einen Schritt weiter, denn mutig und mit verblüffender, tänzerischer Power, erobern sie zum Beispiel in rasanten Sprungvariationen bei neoklassisch grundierter Technik auf der halben Spitze - ohne auch nur ein Minimum an weiblicher Präsenz aufzugeben - doch jene Bereiche, die auch im Tanz bislang nur den männlichen Tänzern zugetraut wurden. Ja, sie geben sich auch kämpferisch, diese grandiosen Tänzerinnen von Gauthier Dance, sie kennen die Kraft der synchron geführten Gruppe und sie kennen den Wandel, wenn sie sich im leichten Reigen wie in einer schönen Hommage an die Zeit der Ballets Russes fast schwebend durch den Raum bewegen. Und dann klickt es noch mal, erst die Männer, dann die Frauen, jeweils spannende Varianten: Gewalt und Zärtlichkeit und die bewegenden Visionen des Tanzes. Und dann, Tanz für alle, die ganze Company, 16 Tänzerinnen und Tänzer, dazu das Publikum, auch auf der Bühne, im grandiosen Finale dieser Eröffnung des Festivals der Farben.


Minus 16 © Regina Broke

Ohad Naharins Kultstück „Minus 16“, 1999 für Netherlands Dans Theater in Den Haag kreiert, man mag es ja schon mehrfach erlebt haben, hier aber, mit den Tänzerinnen und Tänzern der Gauthier Dance Company am Stuttgarter Theaterhaus erlebt man es neu. Die heitere, einladende Improvisation eines Tänzers schon in der Pause, auch vor leerem Saal, wie er in sich versunken tanzt und dann ein kreativer Erschöpfung zu Boden geht. Dann, wenn die traditionelle Musik aus Israel sich mischt mit deutscher Romantik von Chopin und im immer wieder so beeindruckenden wie auch verstörenden „Echad Mi Yodea“, jene wilde, provokante „Laola-Welle“ der Tänzer auf den Stühlen zum traditionellen jüdischen Gesang der Familien, die beim Pessachfest an den überstürzten Aufbruch des Volkes Israel aus der Ägyptischen Gefangenschaft und den Beginn des Weges durch Wüste und Rotem Meer in die verheißene Freiheit erinnert, wenn sich die Tänzerinnen und Tänzer fast nackt machen und am Ende Kleider und Schuhe in die Mitte geworfen werden, dann ist es klar: Das ist Naharins Kraft des Protestes, die er in diese Arbeit gelegt hat. Und um diese über alles Mitreißende und Dekorative hinaus zu vermitteln, braucht man starke Tänzerpersönlichkeiten. Hier zählen weder Perfektion allein, noch die Vollkommenheit der Symmetrie. Hier zählt die totale Hingabe, und die kann man erleben. Aber es ist nicht nur dieser mitreißende Charakter der Arbeiten von Naharin in „Minus 16“, es sind auch sehr sensible Passagen, wie etwa das Duo zu Antonio Vivaldis Vertonung des 126. Psalms, jenem Hoffnungsgesang, der von der Vision, einmal zu sein „wie die Träumenden“, erzählt. Und auch die Einladung an das Publikum mitzutanzen, eine mitunter heikle Angelegenheit, gelingt, da die Tänzerinnen und Tänzer ihre Partnerinnen nicht allein lassen und so aus der wunderbaren Verführung keine Vorführung wird.

Boris Gruhl

Mehr über COLOURS unter www.coloursdancefestival.com

           

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