Fulminanten Gastspiel des Nederlands Dans Theater in Berlin

29.11.2017

                               Außerordentlich in Choreografie und Tanz
                               Zum fulminanten Gastspiel des Nederlands Dans Theater in Berlin

Berlin ist nicht verwöhnt mit internationalen Gastspielen. Wen wundert deshalb der Ansturm auf die bis 2.12. gehende Spielserie des Nederlands Dans Theater, die zweite seit dem großen Erfolg von 2015. Dass sich Ensembles dieser Qualitäts- und Popularitätsstufe in das immerhin mit erheblichen Steuermitteln sanierte Haus der Berliner Festspiele auf volles Risiko einmieten müssen, wundert dann schon. Nach dem NDT betrifft das im Januar 2018 übrigens ebenso Gauthier Dance mit seinem international umjubelten „Nijinski“ von Marco Goecke. Goecke, als Associate Choreographer der Weltklasse-Kompanie aus Den Haag verbunden, stellte auch den Eröffnungsbeitrag des vierteiligen Tourprogramms. In „Woke up Blind“ befragt er zu zwei Songs des jung verstorbenen Jeff Buckley Liebe auf ihre Haltbarkeit in heutiger Zeit. Mit seiner nervös fahrigen, ruckhaften, dabei höchst präzisen Bewegungssprache kommt er zu dem Ergebnis, dass nichts Bestand hat, selbst Zweisamkeit, so sie denn über physische Annäherung hinauskommt, am inneren Getriebensein der Partner zerbricht.

Als ungemein origineller Beitrag erwies sich „The Statement“ von Kanadas choreografischem Exportschlager Crystal Pite. Zu Recht nennt die Kritik den Kampf eines Quartetts um maximalen Gewinn eine moderne Variante von Kurt Jooss‘ zeitlosem Antikriegsstück „Der grüne Tisch“. Um einen ovalen Konferenztisch herum tragen Manager zu einem Sprach-Schlagabtausch vom Band als „Musik“ erbitterte Konflikte aus, in einem Mix aus prägnanter Gestik und virtuoser Akrobatik. Neben dem Witz durch beispielhaft plastische Gestaltung beklemmt der Aberwitz an unmoralischen Absichten einzig für eine positive Geschäftsbilanz.

 

The missing Door / Woke up blind ©Rahi Rezvani

Entstanden beide Stücke erst 2016, so stammt „The Missing Door“ der Argentinierin Gabriela Carrizo bereits aus dem Jahr 2013. In einem grauen Zimmer mit vielen Türen durchlebt ein Sterbender als Art Erinnerungsfilm Situationen seines Lebens, die sich zu einem absurden Fries aus Horrorszenario, Komödie und Tanz verknüpfen. Nichts scheint zusammenzupassen und verwebt sich am Ende doch zu einer reizvoll rätselhaf-ten, bis zuletzt spannenden Komposition. Ebenso wie „The Statement“ lief „The Missing Door“ als Deutschland-Premiere.

Zumindest sein Debüt in Berln erlebte ein Klassiker des NDT-Leitungs-Duos Sol León & Paul Lightfoot von 2001. Mit 33 Minuten ist „Safe as Houses“ der längste Teil des gut zweieinhalbstündigen Programms. Inspiriert wurde die Gruppenstudie vom ältesten klassisch chinesischen Text, dem „Yi Jing - Buch der Wandlungen“, einer Sammlung von Zeichen und Sprüchen. León & Lightfoot visualisieren zu Musik Bachs alle Vergänglichkeit durch eine permanent sich drehende weiße Wand, die wie der Zeiger einer gigantischen Uhr jeden Augenblick fortwischt, um Platz für den nächsten zu schaffen, der wiederum von begrenzter Dauer ist. Was ihnen hierbei an Soli, Kurzzeit-Beziehungen und Formationen einfällt, ist ver-schwenderisch im Erfindungsreichtum zeitgenössischer Bewe-gungsformen. Darin liegt, neben der choreografischen Brillanz aller vier so unterschiedlichen Teile des Abends, die Botschaft des Programms: Der Tanz kann Fragen, Themen, Probleme unserer Zeit meisterhaft formulieren und hat sein Potential noch längst nicht ausgeschöpft. Zumal wenn ihm solche Tänzerdarsteller zur Seite stehen, wie sie das NDT hat. Kaum eine andere Kompanie dürfte ihnen diesen Ruf der Außerordentlichkeit streitig machen.

Volkmar Draeger

  

Safe as houses ©Rahi Rezvani

Dazu Galerie: The Statement © Rahi Rezvani

           

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