Das Alvin Ailey American Dance Theater im Deutschen Theater München

29.08.2017

Bewegungspoeten und Tanzbestien
Das Alvin Ailey American Dance Theater im Deutschen Theater München

Woher nur nehmen Alvin-Ailey-Tänzer diese unverschämt ansteckende Bewegungslust, die sich dynamitartig auf der Bühne ausbreitet? Seit Gründung des Alvin Ailey American Dance Theater 1958 ist Körpervirtuosität als Ausdruckmittel, alertes Federn, Pendeln und Schwingen über Fingerspitzen und Haarwurzeln hinaus sowie die unfehlbar schöne Positionierungen persönlichkeitsstarker Interpreten im Raum bzw. innerhalb eines tanzenden Kollektivs das Rezept ihres nicht abreißenden Erfolgs.
Da ist zum Beispiel der charmante Gummi-Torpedo Yannick Lebrun aus Cayenne in Französisch-Guyana. Sheila Chandras im Rhythmus des indischen Kathak-Tanzes aus dem Off abgehackt surrende Stimme verführt Lebruns Oberkörper immer wieder zu Kontraktionskaskaden. Seine von roten Missoni-Hosen umhüllten Beine katapultieren ihn – urplötzlich scherenförmig gespreizt – hoch in die Luft. In „Takademe“ (1999), dem fünfminütigen Solo von Kompaniechef Robert Battle ist die vorwärtstreibende Klang-Energie Inspiration für dynamische Fußarbeit und flattrige Koordinationswunder.


Four corners © Paul Kolnik 


Am Gastspieleröffnungsabend (22.8.) verwandelte Lebrun die technisch superschwere Choreografie gewitzt in einen Klacks überwältigender Leichtigkeit – auch weil er sich augenzwinkernd mit dem Publikum verschwor. Highlights wie dieses Juwel, das noch bis Ende der Woche in sechs verschiedenen Besetzungen zu erleben ist, kann man mit größtem Vergnügen ebenso unendlich oft sehen wie den 1960 kreierten Geniestreich „Revelations“ („Offenbarungen“). Die drei farb- und stimmungsunterschiedliche Teile umfassende Tanzsuite zu traditionellen Spirituals und Gospels machte Alvin Ailey und seine New Yorker Kompanie damals auf einen Schlag berühmt.
Sie entspinnt sich aus einer rotbraunen Tänzergruppe, die – mittlerweile längst ein legendärer choreografischer Signetmoment – mit ausgebreiteten Armen an einen Vogelzug erinnert, dessen Individuen eng beieinander Zusammenhalt und Schutz suchen. Nach mehrmaligem Ausschwärmen kehren die Akteure in ihre Anfangsformation zurück. Auf ein temperamentvolles Trio folgt zu „Fix me, Jesus“ ein in seiner bedächtigen Ästhetik anrührendes Duett, bevor sich dann in der weißgekleideten Tauf- und schließlich schwarz-gelben Betgemeinschaft die bodenständige, afroamerikanische Seele in einem Überschwang von Tratschlaune und fröhlicher Gefühligkeit Bahn bricht. Auf absolut durchtrainiert-kunstfertige, nonchalant leichtfüßige Art und Weise. Die als Zugabe noch einmal abgespulte finale Ensemblepassage riss die Zuschauer allesamt von den Stühlen. Mit weitem Südstaatenrock und Sonnenschirm gab‘s die markanteste Lady am Verkaufstand als Pin für daheim zu erwerben.


Alvin Ailey American Dance Theater © Andrew Eccles 


Gejohlt wurde aber schon nach dem ersten Stück: „Four Corners“ (2013) von Ronald K. Brown zelebriert den Tanz in afrikanischem Look – barfuß und in der ensembletypischen, oft an der Hüfte nach vorn oder hinten gekippten Haltung. Obwohl sich das Schulterkurbeln, kleine Dreh- und Rutschsprünge oder flinke Nachstellschritte in Variationen ständig wiederholen, entwickelt sich unter den elf Mitwirkenden 25 Minuten lang eine erstaunlich aufregende und zugleich beruhigende Sogkraft.
Der Dramaturgie des Abends tat es richtig gut, dass Hip-Hop-Choreograf Rennie Harris in seinem zwischen bester Street-Dance-Manier und Modern Dance an sich recht ähnlich dahinströmendem „Exodus“ inhaltlich knallharte Irritationsmomente setzte. Einige davon herbeigeführt durch akustische Schüsse. Der Tod ist in seinem Stück allgegenwärtig. Auch wenn am Ende seiner Reise, die für fast alle Tänzer zerlegt am Boden beginnt, spirituelle Erleuchtung steht. Eine Hymne auf das Leben, die man – wie die Performancepower der tollen Tänzerinnen und Tänzer insgesamt – nicht so schnell vergisst.

Vesna Mlakar

           

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