Interview mit Samuel Wuersten

27.04.2016

 Tänzer sind die Botschafter ihrer Kunst

Samuel Wuersten ist Co-Rektor  von Codarts und Direktor vom Holland Dance Festival, eine der bedeutendsten Plattformen für zeitgenössischen Tanz in Europa. Seit letztem September leitet der weltweit hochgeschätzte Tanzpädagoge und Tanzvernetzer, gemeinsam mit Gianni Malfer  den neuen Bachelor-Studiengang Contemporary Dance an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Während des „International Choreographic Competition Dance Festival 2015“  in Skopje, Mazedonien,  nahm sich der vielbeschäftigte künstlerische Leiter Zeit für ein ausgiebiges Interview mit Mihaela Vieru. 

Nun gibt es endlich einen Studiengang für zeitgenössischen Tanz in der Schweiz. Das ist für Sie als Berner Oberländer bestimmt erfreulich.

Absolut! In Zürich haben wir jetzt fast das erste Jahr des neuen Studiengangs „Bachelor Contemporary Dance“ geschafft, nachdem im September eine Gruppe von Studierenden die erste praxisorientierte Tanzausbildung auf Hochschulniveau in der Schweiz begonnen hat.
Es war ein fliegender Start, den ich persönlich bisher nie so erlebt habe: eine Schule von Grund aufzubauen. Eine große Herausforderung, denn es gibt zunächst einmal nichts, worauf man sich als Erfahrungswert beziehen kann. Alles ist neu und geht Schritt für Schritt. Das ist für mich sehr interessant, weil man sich immer neuen Fragen stellen muss. Ich lerne selbst auch viel dabei! (lacht herzlich). Im Gegenteil zu meiner Arbeit in Holland, wo ich seit dreißig Jahren arbeite, und wo die ganzen Strukturen und Abläufe gut eingeführt sind und alles immer weiterentwickelt wird, ist die Arbeit in Zürich noch mit vielen Fragen, Entscheidungen und Lösungsvorschlägen verbunden. Es ist für mich persönlich eine tolle, „regenerierende“ Herausforderung und eine gute Art das ganze Phänomen „Ausbildung“ neu zu erleben.

Samuel Wuersten Foto von Antoinette Mooy 

Was haben Sie in dieser Zeit in Zürich neu gelernt und was kann man als erfahrener Schulleiter überhaupt neu lernen?

Es ist einfach das Erlebnis, mit einer neuen Gruppe von Studenten zu arbeiten und alles neu aufzubauen. Zu schauen: Was brauchen die Studenten? Wie und was können wir dazu beitragen? Der zeitgenössische Tanz in der Schweiz entwickelt sich stets mehr, während in Holland alles eine ganz lange Tradition hat. Was ich noch „neu“ dazu gelernt habe ist, wie man in einem anderen Schulbetrieb arbeitet. Weil die ZHdK ganz anders als Codarts strukturiert ist. Wenngleich beide Kunstuniversitäten Hochschulbetriebe sind, ist die Arbeitsweise von Land zu Land durch viele Aspekte differenziert. Als Schweizer gibt es gewiss ein Déjà-vu-Gefühl  für mich, dazu habe ich gelernt, mich in die Schweizerische Schullandschaft neu zu finden, der Mentalität anzupassen und die Arbeit dort zu vertiefen. Es ist nicht nur für mich, sondern einfach für beiden Seiten, die ZHdK und Codarts eine sehr gute Chance, sich kennen zu lernen und voneinander zu profitieren.

Sicher haben Sie bewährte Konzepte aus Holland übernommen. Welche sind es und wie lassen sie sich auf die Studenten übertragen?

Wir haben ein ziemlich einfaches Konzept von Holland aufgenommen: eine ganz solide, vielseitige Grundausbildung mitzugeben. Ein guter Aufbau von zeitgenössischer Tanztechnik, begleitet von verschiedenen Verbindungen zur kreativen Zusammenarbeit mit vielen, ganz verschiedenen erfahrenen Choreografen. Das ist eigentlich das Grundprinzip.

Was wird gefordert, um in die Ausbildung aufgenommen werden zu können?

Es werden natürlich Basiskenntnisse gefordert – daher heißt es auch Bachelor-Studiengang.
Die Studenten sollten schon einen tänzerischen Hintergrund haben, das ist das Wichtigste. Was gefordert wird, ist auch Neugierde zur kreativen Arbeit, dies ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Solange sie nach Neuem suchen, etwas entdecken wollen, wie sie mit Kreativität umgehen, ihre Körper beherrschen und einsetzen können, entwickeln sie sich auch.

Welche Aufnahmevoraussetzungen bestehen und gibt es eine Altersgrenze?

Im Allgemeinen sollte man einen Schulabschluss haben, grundsätzlich Matura, wobei wir auch Ausnahmefälle haben. Das Eintrittsalter ist zwischen 18 und 19 Jahren, dann hat man bei Abschluss des 3-jährigen Studiums ein gutes Eintrittsalter ins Berufsleben.

Gibt es für die Studenten auch die Möglichkeit, sich während des Studiums künstlerisch zu betätigen?

Ganz klar im 3. Studienjahr. Das ist ein Praktikumsjahr, das wir bewusst so in den Lehrplan eingebaut haben. Unser Wunsch ist, dass alle Studenten dadurch so bald wie möglich in die Berufspraxis einsteigen können. Es ist eine Form, die sich bei Codarts sehr bewährt hat. Dafür haben wir seit einigen Jahren in Holland eine gute Zusammenarbeit mit dem Luzerner Ballett aufgebaut. Dieselbe Form des Praktikums werden wir jetzt auch für die Schüler der ZHdK aufbauen und verstärkt mit Schweizer Tanzkompanien, freien Kompanien und freischaffenden Choreografen zusammenarbeiten, möglicherweise auch mit ausländischen Tanzkompanien. Es ist natürlich ein Netzwerk, das man dafür aufbauen muss und das richtig gut funktionieren kann. Aber es wird auch benötigt, denn man vermittelt den Studierenden so „die Erfahrung“, die man als Schule eben nicht bieten kann. Auf diese Weise vergrößern sich für die Absolventen die Chancen, nach dem Studium wirklich einen Job zu finden; das geht ja nicht von selbst...

BA Contemporary Dance © Caroline Minjolle 

Ist das Studium gut angekommen, haben Sie viele Studenten in Zürich?

Die Schule ist nicht riesengroß, wir haben pro Jahr ungefähr 16 Studien-Plätze zu vergeben. Relativ wenig, würden manche sagen, doch es hätte keinen Sinn 40 Leute auszubilden, wenn es nicht ebenfalls so viele Jobs gäbe, das stünde in keiner Relation zueinander. Die Resonanz ist sehr gut, vor allem aus der Schweiz, was eigentlich unsere größte Sorge war. Ich entdecke dadurch, dass es hier richtig gute Leute gibt, und das nicht nur in Zürich, Basel oder Bern, das hat mich sehr positiv überrascht. Wir veranstalten Vortanzen auch im Ausland, z.B. dieses Jahr (zum ersten Mal) in Italien.

Welche Neuerungen sind in den Unterrichtsfächern in Zürich hinzugekommen?

Was interessant ist, dass wir den theoretischen Teil des Studiums zusammen mit der Universität Bern entwickelt haben. Die Universität hat dafür eine Forschungsstelle für Tanz und Theater, die sich optimal dazu eignet, sowie eine Professur für Tanz, die Christina Thurner belegt. Den theoretischen Teil bieten wir gemeinsam mit einer Schule in Lausanne an, die gleichzeitig mit uns gestartet ist und eine Bachelor Ausbildung anbietet. Hinzu kommt ein breit gefächertes Angebot an praktischen Fächern; wir laden dafür viele Choreografen ein, die Workshops geben.

Welche beruflichen Möglichkeiten haben die Studenten nach dem Bachelor-Abschluss?

Wenn ich an die Gruppe von Studenten, die wir jetzt haben, denke, sehe ich eine breite Skala von Möglichkeiten. Die könnte ich mir sehr gut in einer Repertoire-Kompanie vorstellen; es gibt welche, die ich in der freischaffenden Szene sehe, andere sind eher theatral, haben also tänzerische und schauspielerische Qualitäten, und werden sich bestimmt in dieser Weise weiterentwickeln. Was ich wichtig finde, ist, dass man als Ausbildungsschule das Talent der Studierenden entdeckt und weiter fördert, ihnen Chancen eröffnet. Anderseits muss man als Schüler selbst wie „ein Vielfraß und ein Tausendfüßler“ sein, also viel Verschiedenes in sich entdecken können und daran arbeiten. Dieses „Weiteröffnen und Entwickeln“ ist ein Konzept, das mir sehr am Herzen liegt, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich während der Ausbildung plötzlich anders entwickelt, als gedacht. Wir müssen einfach eine gute Basis legen, viel Können und Selbstvertrauen aufbauen. Das Vertrauen kommt auch durch die Arbeit mit den Choreografen. So haben wir z.B. für die Aufführung in Zürich im Juni 2015 mehrere, interessante Choreografen, wie Martin Schläpfer oder Richard Wherlock, gewinnen können.

Welche Möglichkeiten gibt es für Studenten, die sich wissenschaftlich weiter perfektionieren möchten?

Grundsätzlich ist jetzt schon angedacht, ein Masterkonzept weiterzuentwickeln, sei es auf dem Gebiet der Choreografie oder der Pädagogik. Der Bachelor-Titel ermöglicht natürlich auch ein Übertritt in andere Gebiete, wie z. B. ein Management-Studium in jeder anderen Branche.

Ihre Arbeit teilt sich zwischen Holland und der Schweiz. Wie sieht es in Holland aus?

In den Niederlanden bin ich vor allem mit der Arbeit für das Holland Dance Festival sehr damit beschäftigt, den Tanz in unserer Gesellschaft selbstverständlicher zu machen. Das klingt zuerst komisch, den man denkt, dass Holland ein Tanzland sei. Die Arbeit hat sehr viel zu tun mit Akzeptanz, mit der Integration des Tanzes im täglichen Leben, Publikumsentwicklung, Aufbau und der Aufrechthaltung von Internationalität. Tanz ist im Moment zwar sehr populär und sichtbar im öffentlichen Raum, es gibt sehr viele Fernsehprogramme, wie z.B. „So, you think you can dance“, „Let´s dance“ usw. Wir sollten das aber auch aus dem Blickwinkel der traditionellen Tanzstrukturen, sprich Tanzfestivals oder Tanzkompanien, betrachten und uns damit auseinandersetzen, wie sie ihre Popularität für die Zukunft umsetzen können. So wird ein Nährboden geschaffen, damit irgendwann, wenn diese „Tanz-Fernsehwut“ vorbei ist, doch noch Interesse übrig bleibt für den Tanz. Das sind die zwei Themen, die zentral sind in meiner Arbeit für das Holland Dance Festival: Tanz zu den Menschen bringen und Türen öffnen zur Welt.

Sie sind international sehr gefragt als Tanzpädagoge aber Sie helfen auch dem Tanz in anderen Ländern, z.B. in Mazedonien, dem Dance Fest Skopje.

Das ist eine sehr schöne Arbeit, die 2008 angefangen hat, nachdem Choreografin Risima Risimkin, die treibende Kraft auf dem Gebiet des zeitgenössischen Tanzes in Mazedonien, fragte, ob wir ihr helfen würden, dort eine Schule aufzubauen. Das kann auch ein richtiger Kampf sein, wenn man die Grundarbeit macht und wenn man eine Tanzszene aufbauen möchte, doch mir lag auch viel daran zu helfen. Die gemeinsamen Anstrengungen haben sich gelohnt, die Dance Academy Skopje steht, das Dance Theater Skopje und das Festival sind jetzt schon seit zehn Jahren erfolgreich tätig.

Stichwort: Projektarbeit. Alle Tanzschaffenden, die kleinere oder größere Projekte planen, haben früher oder später damit zu tun. Das Thema: private Sponsoring. Es heißt: große Unternehmen, Wirtschaftsunternehmen usw. investieren nicht in die Kunst... 

Ich glaube, man sollte unbedingt alle Verbindungen nutzen und verbessern, was Betriebssponsoring betrifft aber gleichzeitig glaube ich, dass der Tanz es doch ein wenig extra schwierig hat. Ich frage immer, wer sind die Leute, die Betriebe, die Mäzenen, die in den Tanz investieren, was für ein Profil haben sie? Ich denke, besonders beim Tanz müssen es ein wenig abenteuerliche Leute sein, die machen wollen, was nicht jeder schon tut. In Holland beispielsweise binden sich Sponsoren gerne an das Rijksmuseum, an das Van Gogh Museum, an das Concertgebow Orchester in Amsterdam, wenn´s um Kunst geht. Und es gibt noch eine kleine Gruppe, die das Nationale Ballett fördert. Leider endet hier schon die Liste. Also gibt es sehr viel zu verbessern und nach meiner Erfahrung muss man auch die richtigen Leute treffen, die helfen wollen. In Holland hat sich die Stimmung ein wenig verändert. Dadurch dass sich der Staat doch etwas zurückgezogen hat, spürt man verstärkt bei Betrieben oder Mäzenen eine kollektive Verantwortung. Es ist aber noch leider weit entfernt z.B. gegenüber Nordamerika, wo das ganze Gang und Gäbe ist, die Holländer müssen noch sehr viel dazu lernen. Die Tanzszene sollte mehr an die Business-Szene gebunden werden, denn die Synergien, die man zwischen Kunst und Betrieben entwickeln kann, sind längst nicht erschöpft.

Welche Rolle spielt der Tanz heute in der Gesellschaft?

Tanz vermittelt ein allgemein positives Lebensgefühl, was für Kinder, junge Leute, für alle Altersgruppen gilt. Man beobachtet, dass heute doch viele Menschen eine „Ein-Personen-Gesellschaft“ geworden sind, Individualisten. Hier kann der Tanz eine große Rolle spielen und auch übernehmen. Wir stellen das fest beim Holland Dance Festival, auch durch die riesen Resonanz auf die Zielgruppen-Arbeit mit beispielsweise Jugendlichen oder Senioren. Dass sie so populär ist, habe ich mir ehrlich vor fünf Jahren nicht so vorstellen können.

Welche Rolle spielt eine Hochschule für Tanz in der Gesellschaft?

Eine verbindende Rolle, denn es ist die Aufgabe der Hochschule, die künftigen Tanzschaffenden der Gesellschaft vorzustellen. Es ist unsere Aufgabe, den Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Kunst zu exponieren. Tänzer sind die Botschafter ihrer Kunst.
Wir sind auch sehr stark, wenn wir nahe bei uns selbst bleiben; das heißt, wir müssen auch Möglichkeiten schaffen, dass Tänzer als Tänzer stolz auf ihren Tanz sein können, auf ihr Talent, auf die Kraft ihres Talents und das teilen mit der Umwelt. Menschen werden von unserer Kunst berührt und inspiriert, und von der Leidenschaft mit der wir es tun.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Ausführliche Infos finden Sie unter www.zhdk.ch / Codarts Rotterdam, University of the Arts www.codarts.nl / Holland Dance Festival www.holland-dance.com

Interview vom März 2015 

           
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