Wie entstehen Tanzwettbewerbe und was sollen sie bewirken?

„Tanz ist wie ein Flug der Seele“
Alexander Pushkin


Wie entstehen Tanzwettbewerbe und was sollen sie bewirken?

Wie kommt es, dass die Zahl der Ballett- und Tanzwettbewerbe in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist? Verhält sich der Begriff des Wettbewerbs antithetisch zu „Tanz als Kunst“? Auf welcher Grundlage entscheiden Jurymitglieder und wie unterscheiden sich die Wertungen von denen der Wertungsrichter in Gymnastik- oder Eiskunstlaufwettbewerben?
Diese Fragen stellte ich mir, nachdem ich zahlreiche Wettbewerbe weltweit besucht und darüber geschrieben hatte. Während der 2. Veranstaltung des Istanbul Ballettwettbewerbs im Juli 2010 hatte ich das Vergnügen Valeria Uralskaya, Chefredakteurin des russischen „Ballet Magazine“, zu treffen. Resultat dieser Begegnung war eine anregende Diskussion über dieses Thema, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Madame Uralskaya, welche Rolle haben Tanzwettbewerbe in der Weltkultur?

Die Welt feiert diese Art der darstellenden Künste auf vielfältige Weise. Einige dieser Events fallen unter die Rubrik der Festivals, andere unter die des Karnevals oder der Bälle. Mit Sicherheit die wichtigsten sind aber die Theateraufführungen, die tiefe, bleibende Emotionen im Publikum erwecken. Historisch gesehen, ist man verleitet zu glauben, dass Kunst-Wettbewerbe ein relativ neues Phänomen sind, dass diese neue Kunstform der Musik-, Gesangs-, oder Tanzwettbewerbe eine Entdeckung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien. Solche Wettbewerbe gab es jedoch schon 500 v. Chr., wenn wir nur an die Delphischen oder Pythischen Spiele denken, wo Künstler in verschiedenen Bereichen der Kunst miteinander konkurriert haben. Im Laufe der Geschichte hat man großes Interesse an solchen Wettbewerben entwickelt.

Aber worin liegt der Reiz dabei?

Tanzwettbewerbe haben sich als wichtiger Bestandteil der Förderung von Tanzkunst und des Wachstums künstlerischer Standards sowie der Förderung von experimentellen Arbeiten junger Tänzer und Choreografen bestätigt. Die Analyse dieses Phänomens wirft eine berechtigte Frage nach Rolle und Zweck eines jeden Wettbewerbs auf, denn er dient in erster Linie zur Entdeckung neuer Tanztalente sowie als internationales Forum für Kommunikation zwischen Choreografen, Lehrern und jungen Tänzern. Sie sind von unschätzbarem Wert bei der Erhaltung des klassischen Erbes. Klassische Werke - Solo und Duette - enthüllen die Professionalität der Mitbewerber, ihr Verständnis von Stil und Ästhetik des klassischen und modernen Tanzes. Die Schule des klassischen Balletts bildet die Grundlage für die professionelle Entwicklung, denn beide, Talent und Schulbildung, sind untrennbare Elemente. Ihre Einheit ist die Grundlage der künstlerischen Perfektion.
Nicht zuletzt ist die soziale Komponente der Wettbewerbe von großer Wichtigkeit.

In ihrem Drang nach Perfektion muten sich junge Tänzer aber oft eine Menge zu…

Sehen Sie, Tänzer streben nach Perfektion, sie gehören zu den hart arbeitenden Menschen, wollen berechtigterweise Karriere machen und Ansehen erreichen. Das wichtigste dabei ist, dass ihnen die Tanzwettbewerbe die Gelegenheit bieten, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Dies sind die entscheidendsten Momente in der Karriere eines Tänzers. Der kompetitive Charakter solcher Ereignisse beeinflusste die Entwicklung der Ballett-Technik, besonders der Drehungen und Sprünge in männlichem und weiblichem Tanz. Der Tanz wurde kraftvoller und dynamischer. Auch die positive Rolle in der Entwicklung der Choreografie ist dabei nicht zu unterschätzen, denn außer der klassischen Variationen sind zeitgenössische Choreografien fest in den Wettbewerbsreglements implementiert.

Jedoch besteht die Frage ob man in der Kunst einen Wettbewerb braucht.

Gewiss, Wettbewerbe werfen die Frage nach einer „kreativen Persönlichkeit“ auf, die nicht nur in der Choreografie, sondern auch in anderen Formen der Kunst relevant ist. Die schwierige Aufgabe, diese zu vermitteln, ist den Pädagogen überlassen. Es liegt an den Schulen, Professionalität und Individualität zu kultivieren. Talent ist ein Geschenk Gottes, das man sowohl körperlich als auch spirituell entwickeln können sollte. Es ist, wie der Poet Alexander Pushkin sagte: „Tanz ist wie ein Flug der Seele“; wenn der Tänzer (Künstler) dies umsetzen kann, dann wird er Tanz als Kunst verstehen und nicht als Sport oder Akrobatik. Letztlich wird er für seine Kunst bewundert und hoch gelobt.

Sie sprachen von der großen sozialen Komponente der Wettbewerbe.

Kunst fördert die zwischenmenschliche Kommunikation. Wettbewerbe können Leitfaden für professionelle Tagungen, Austausch von Ideen und Wissen im Tanz sein. Unabhängig von Sprache verstehen wir immer, was uns ein Künstler sagt, durch Ton, Farbe und Bewegung. Man könnte es „Luxus der Kommunikation“ nennen, um Antoine de Saint- Exupéry zu zitieren. Die kreative, pädagogische und informative Umgebung, die Wettbewerbe erschaffen, ist einzigartig. Neue Ideen, Gedanken und Inspirationen werden während der Wettbewerbe geboren. Hauptzweck der vielen jungen Tänzer, Choreografen und Lehrer aus aller Welt ist es, ihre Fähigkeiten zu präsentieren. Jeder Wettbewerb ist letztlich ein Austausch von Erfahrungen, von Lernen der unterschiedlichen kulturellen Traditionen und der Lehre der klassischen und zeitgenössischen Tanzkunst auf der ganzen Welt.

Welche Verbesserungen der internationalen Wettbewerbsreglements vermissen Sie?

Der Wettbewerb war immer und bleibt das wichtigste Ziel dieser Begegnungen. Es ist oft extrem schwer die Besten aus so vielen Kandidaten auszuwählen. Zwar gibt es derzeit viele internationale Wettbewerbe, allerdings gehören die Teilnehmer, die Gewinner, nicht immer zu den Weltbesten. Wie auch immer, ihre Auszeichnungen bedeuten, dass sie die Besten unter den Teilnehmern des Wettbewerbs waren. In gewissem Maße gibt es Mängel, in den spezifischen Fachdisziplinen, und auch in den Wertungsregeln für die Juroren. Man kann die Leistungen einer Ballerina nicht mit der eines männlichen Tänzers vergleichen, oder die Leistungen einer 14-Jährigen mit der einer 18-Jährigen. Was fehlt, sind pädagogische Seminare, die von führenden Fachleuten im Bereich des klassischen Balletts und Modern Dance gehalten werden. Außerdem gibt es keine theoretischen Konferenzen, die die Aufmerksamkeit und das Interesse der Fachkritiker auf sich ziehen. Währenddessen ist die Gruppe der professionellen Journalisten zurückgegangen, und Pressekonferenzen werden nur vom Informations-Service des lokalen Fernsehens und der Presse aufgezeichnet.

Wie könnte man aus Fehlern lernen und solche Verbesserungen durchsetzen?

Die Wettbewerbsgeschichte und die der Tanzkunst gleichen sich. Beide sind völlig abhängig von einer strengen Aufzeichnung. Die gewonnenen Erkenntnisse in diesem Bereich spiegeln sowohl große Erfolge aber auch einen bedauerlichen Fehler. Vor vielen Jahren – bei dem ersten Ballettwettbewerb in Varna 1964 - glaubten viele an die Notwendigkeit einer zentralen Koordination der Ballett-Wettbewerbe, um sowohl die Durchführung wie auch die Verbesserung der professionellen Kriterien steuern zu können. Aber weder ein Tänzer-/ Choreografen- oder Pädagogen-Zusammenschluss noch so etwas wie ein Aufsichtrat wurden etabliert. Es war ein Fehler, in einer Zeit, wo das gestiegene Interesse an Wettbewerben und der damit verbundenen Rolle bei der Karriere der jungen TänzerInnen und internationalen Tanzkunst erste Erfolge zeigte. Die Zahl der Wettbewerbe wächst stetig, aber die Informationen über sie sind begrenzt wegen dem bedauerlichen Mangel an Zusammenarbeit zwischen den Organisatoren, zum Teil aus Unkenntnis oder persönlichen Ambitionen, usw. Die Wettbewerbe werden zum Beispiel zeitgleich abgehalten, das führt unweigerlich zu einer Zwischenkonkurrenz. Eine bessere Zusammenarbeit auf organisatorischer, professioneller und kreativer Ebene zur gegenseitigen Unterstützung und zum Austausch von Informationen sind im 21. Jahrhundert unerlässlich und wünschenswert.


Madame Uralskaya, vielen Dank für das Interview.


Mihaela Vieru
© MIVI Media und Verlag


 

Internationalen Ballett- und Tanzwettbewerbe weltweit:

 The Beijing International Ballet Competition, China, http://www.bda.edu.cn
 The VII Spanish-American Choreographic Competition Alicia Alonso, Cuba, bnc@cubarte.cult.cu
 14th International Festival of Choreographic Miniatures http://www.koreografskeminijature.com
 International Ballet Competition, Jackson, USA, http://www.usaibc.com
 Prix de Lausanne, Schweiz, http://www.prixdelausanne.org
 Moscow International Ballet Competition, Russia, http://www.russianballet.ru/competition/about.htm
 The World Ballet Competition's (WBC) USA, www.wbcorlando.com
 Istanbul International Ballet Competition, Turkey, http://www.istanbulballetcompetition.org
 Helsinki International Ballet Competition, Finnland, http://www.balcomphel.fi
 Youth America Grand Prix, USA, http://www.yagp.org
 Tanzolymp -Internationales Kindertanzfestival, Germany, www.tanzolymp.com
 International Ballet Competition and Contest of Choreographers Moscow, Russia, ifbc@mail.ru, www.moscow-ibc.ru
 Rudolf Nureyev International Ballet Competition, Hungary, http://www.nureyevibc.com/why/why_e.html
 Seoul International Dance Competition, Korea, www.koreaballet.com
 International Ballet Competition „Arabesque“, Perm, Russia, http://www.arabesque.permonline.ru

 

 

           
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