Streetdance Vibes

10.11.2017

Streetdance wurde ursprünglich auf der Straße getanzt und entwickelt - fernab von professionellen Tanzschulen. Der impulsive und kommunikative Tanzstil lebt von den Einflüssen anderer Tanzrichtungen. Unsere Autorin Susanne Lettner hat sich in Berlin umgesehen und gefragt, welche Synergien sich aus der Kombination von Streetdance und zeitgenössischem Tanz ergeben können.

Obwohl beide Welten so unterschiedlich sind, verbindet sie die gleiche Energie, und sie passen dadurch hervorragend zusammen“, beschreibt Michael ‚Mikel’ Rosemann, der ein langjähriges Mitglied der Flying Steps ist. „Bei unserer Show ‚Red Bull Flying Bach‘ tanzen sowohl die urbanen Tänzerinnen und Tänzer als auch die zeitgenössischen Tänzerinnen und Tänzer zu der gleichen Musik. In dem Fall zu der klassischen Musik des Wohltemperierten Klaviers von J.S. Bach. Beide Tänzergruppen sind offen, frei im Geist, gehen aufeinander zu und gestalten so gemeinsam etwas völlig Neues. Sich auf einen anderen Tanzstil einzulassen und sich ihm zu öffnen, das ist etwas ganz Besonderes.“ Mikel ist seit der ersten Show Mitglied des Ensembles von „Red Bull Flying Bach“ – bis Ende 2014 stand er bei jeder Show auf der Bühne. Heute ist Mikel bei der Produktion vor allem für das künstlerische Management und die Workshops der jeweiligen lokalen B-Boy Szene verantwortlich. In „Red Bull Flying Bach“ kombinieren sie Breakdance und klassische Musik miteinander.

Gian Marco Meier unterrichtet Streetdance bei der Bühnentanzschule DANCEWORKS berlin und wird in diesem Jahr noch seine Ausbildung in zeitgenössischem Tanz abschließen. „Wenn Streetdance und zeitgenössischer Tanz aufeinandertreffen, ist das Potenzial für neue Kreationen grenzenlos. Streetdance-Styles wie z.B. Popping können einem zeitgenössischen Stück viel Kontrolle und unglaublich starke Akzente verleihen. Andersherum kann zeitgenössischer Tanz einem Streetdancer neue Dimensionen, Qualitäten und Bewegungsrichtungen verleihen“, erzählt Gian Marco Meier.

Max Makowski unterrichtet zeitgenössischen Tanz beim Tanz- und Bewegungsstudio motion*s in Berlin und beschäftigt sich auch mit Streetdance: „Es können interessante Synergien zwischen Streetdance und zeitgenössischem Tanz entstehen, weil beide Stilrichtungen voneinander lernen und sich entwickeln können. Sie haben einen komplett verschiedenen Hintergrund und eine andere Geschichte, wobei das urbane Feeling des Streetdance auf einer zeitgenössischen Theaterbühne plötzlich eine andere Bedeutung bekommt. Mir stellt sich dabei die Frage, wie man der Natur des Streetdance treu bleibt, da er ja nicht für die Bühne geschaffen ist.“

 

Schwierigkeiten und Chancen bei der Kombination von Streetdance und zeitgenössischem Tanz

„Die erste Herausforderung ist, die unterschiedlichen Tanzrichtungen zu verstehen. Bevor man das nicht kann, ist es schwer, sich darauf einzulassen. Was sind die Eigenarten der Musik, wie funktioniert der Tanz? Man muss sich mit beiden Seiten beschäftigen. Am Beispiel von ‚Red Bull Flying Bach‘ haben wir uns mit Opernregisseur Christoph Hagel zusammengeschlossen. Er hat uns geholfen, das Stück von Bach richtig zu verstehen. Gemeinsam haben wir uns dann überlegt, wie sich die verschiedenen Fugen visualisieren lassen – mit Powermoves, Headspins und Pirouetten“, erklärt Michael ‚Mikel’ Rosemann und führt weiter aus: „Die Chance liegt darin, sich dem anderen Tanzstil zu öffnen und den eigenen Horizont zu erweitern. Beide Tanzstile sind frei und können sich immer wieder neu erfinden und erweitern.“ In ihrer Visualisierung „Red Bull Flying Bach“ sprengen sie die Grenzen zwischen Hoch- und Jugendkultur - und das mit Klavier, Cembalo und elektronisch verfremdeten Beats, sowie Headspins, Powermoves und Freezes.

Max Makowski sieht im Streetdance eine Chance für den zeitgenössischen Tanz, er selbst hat zeitgenössischen Bühnentanz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main studiert: „Zeitgenössische Tänzerinnen und Tänzer sind manchmal sehr in Formen, Technik und Perfektion verfangen, was meiner Meinung nach oft aus ihrem Hintergrund im Ballett entsteht, während es im Streetdance viel mehr um die Musik und um den Genuss des Tanzens geht.“

„Die Möglichkeiten werden größer, denn man kann sich sozusagen das Beste aus zwei Welten nehmen und daraus formen, was man möchte. In meinem Streetdance-Unterricht benutze ich auch Vergleiche aus dem zeitgenössischen Bereich und sogar Ballett, um Tänzern mit einem zeitgenössischen Hintergrund Bewegungsabläufe aus dem Streetdance besser erklären zu können“, sagt Gian Marco Meier. Sein Ziel als Lehrer ist es, den Studenten eine starke Grundlage für eine Vielzahl von Urban Styles und ein Gefühl für die verschiedenen Stilrichtungen und musikalischen Unterschiede mitzugeben. Er tanzt mehr als sein halbes Leben Hip-Hop und ist neben zeitgenössischem Tanz versiert in anderen Stilen wie Dancehall und Commercial Dance.

Horizonte erweitern

Egal ob Streetdance oder zeitgenössischer Tanz, sich in anderen Tanzgenres umzusehen hilft, seine Horizonte aktiv zu erweitern: „Ich bin selbst gerade dabei, urbane Tanzstile tiefer zu erkunden, und genieße es sehr. Als Tänzer und Tänzerin sollte man immer so viel Verschiedenes wie möglich ausprobieren, um den Körper gut kennenzulernen und die verschiedenen Stile in verschiedenen Bereichen anzuwenden“, macht Max Makowski deutlich.

Auch Michael ‚Mikel’ Rosemann bestätigt dies: „Offen sein für Neues und viel ausprobieren. Sich nicht nur im eigenen Tanzgenre umsehen, sondern auch mal in anderen Bereichen schnuppern. Austesten, ob es sich gut anfühlt, und das dann mit dem eigenen Stil kombinieren und diesen dadurch viel individueller machen. Neugierde ist das A und O.“ Mit „Red Bull Flying Bach“ revolutionierten sie Breakdance, denn sie waren die Ersten, die zeigten, wie kunstvoll dieser Tanzstil sein kann, und sprachen alle Altersgruppen gleichermaßen an.

„Tänzern mit einem klassischen und zeitgenössischen Hintergrund, die sich etwas vor Streetdance scheuen, würde ich empfehlen, sich über Jazzdance langsam an Streetdance heranzutasten, weil dessen Qualitäten und Techniken eine gute Mitte zwischen Streetdance und Contemporary bilden“, gibt Gian Marco Meier noch als Tipp.

Susanne Lettner


Flying Steps
Die Flying Steps sind eine der erfolgreichsten Urban Dance Companies weltweit und begeistern seit Jahren mit atemberaubenden Shows und einzigartigen Choreografien. Gegründet wurden sie 1993 von Vartan Bassil und Kadir „Amigo“ Memiş in einem Berliner Hinterhof. Seit 2010 sind die vierfachen Breakdance-Weltmeister mit ihren Shows „Red Bull Flying Bach“ und „Red Bull Flying Illusion“ auf Tour und faszinierten mittlerweile über 650.000 Zuschauer in 35 Ländern weltweit. Weitere Informationen: www.flyingsteps.com
Nächste Termine:
„Red Bull Flying Illusion“: 17.05. - 10.06.2018, Berlin, Potsdamer Platz
„Red Bull Flying Bach“: 25.05.2018, Korbach, Hessentag + 26.05.2018, Dresden, Musikfestspiele

Max Makowski
Max Makowski ist Gastdozent für zeitgenössischen Tanz bei motion*s. Er studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Zur Zeit arbeitet er mit Marco Da Silva Ferreira in Portugal zusammen und ist seit Januar 2017 auf Tour mit dessen aktuellem Stück BROTHER. Außerdem arbeitet er an einem eigenen Stück für 2018. Im Januar 2018 wird Max für eine Opernaufführung in der Mailänder Scala erneut zur Hofesh Shechter Company zurückgehen. Weitere Informationen: www.maxmakowski.com

Fotos

„Red Bull Flying Bach“:
„Red Bull Flying Bach“ ist die erste eigene Inhouse-Produktion der Flying Steps. In dieser Visualisierung sprengen sie die Grenzen zwischen Hoch- und Jugendkultur. Fotocredit: Carlo Cruz/ Red Bull Content Pool

Gian Marco Meier:
Gian Marco Meier unterrichtet Streetdance bei der Bühnentanzschule DANCEWORKS berlin und wird in diesem Jahr seine Ausbildung in zeitgenössischem Tanz abschließen. Fotocredit: Gian Marco Meier/ DANCEWORKS berlin

Max Makowski:
Max Makowski ist Gastdozent für zeitgenössischen Tanz bei motion*s. Er studierte zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und beschäftigt sich mit Streetdance. Fotocredit: Victor Frankowski

Susanne Lettner studierte Journalistik und PR sowie Tanzwissenschaft in Berlin.

           
Back