5/2011 September-Oktober

Gasteditorial

Vermessenes Vermessen

 

Warum einfach, wenn es kompliziert auch geht, scheint die Devise zu sein, wenn sich nun die Wissenschaft des Balletts annimmt. Was da so alles Forschungs-mäßig vor sich geht, konnte man sich nun im Deutschlandradio Kultur eine halbe Stunde lang anhören. Unter dem Titel "Vom Algorithmus der Choreografie" hat Cornelia Braun einen Schnelldurchlauf dessen präsentiert, was die Wissenschaft unternommen hat zum Thema "Wie archiviert man Bewegung?".  

Seit in den Neunziger Jahren William Forsythe im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe seine Videos digitalisieren ließ und mit "Improvisation Technologies, A Tool for the Analytical Dance Eye" die erste digitale Tanzschule auf CD-ROM entwickelt wurde, hat sich gar allerhand getan, was sich für Erhitzung vorzugsweise der Gemüter eignet. Die interaktive Bühne beispielsweise, auf der die Tänzer mit Hilfe von Sensoren, Infrarotkameras und Programmen für ein sogenanntes "MotionCapture" Bühnenbild und Musik beeinflussen konnten. Solche Technologien ermöglichten es dann dem italienischen Choreografen Emil Greco und seinem Partner Peter C. Scholten  2007, den  virtuellen Workshop "Double Skin/Double Mind" zu kreieren, den Teilnehmer auch ohne ihn absolvieren konnten. 

Natürlich stand Labans räumliches Bezugssystem der Kinematographie Pate, als es darum ging, Bewegungen in Vektorgrafiken umzuwandeln und einen virtuellen Probenraum zu ersinnen, mit dem sich selbst Meta-Ebenen darstellen lassen:  gezeichnete Gedankenfiguren auf dem Film zeigen die gewünschten Figuren, etwa, wenn sich Bewegungen wie eine Welle durch die Tänzer fortsetzen. Eine  3-D-Dimension, die Tanz als in Raum geschriebene Form begreifbar machen soll. Erstaunlich, dass in den Fußball-Arenen der Welt so eine Laola-Welle auch ganz spontan, ohne wissenschaftliche Unterstützung funktioniert, und das bei so viel Mitwirkenden! Nicht auszudenken, was passiert, wenn sich erst einmal die Wissenschaft dieses Phänomens bemächtigt...

Denn das Körper-Bewusstseinstraining, das sich nun auch um Balletttänzer kümmert, ist in der Sportwelt schon längst zu Hause. "Die innere Logik des eigenen Fleisches", wie es so schön heißt, ist Fußballern ohnehin in Fleisch und Blut übergegangen. Auch Schwimmer optimieren ihre Technik durch Bewegungs-Analysen. Und Atemtechniken gehören zur Erstausstattung jeglichen ernsthaften Yogas. 

Doch was bringt das für den Balletttänzer? Braucht er erst die mit 42 Messpunkten verklebte Prima Ballerina, die mit Infrarot-Kameras bei der Pirouette gefilmt und via Computer analysiert wird, für die großartige Erkenntnis, dass eine Pirouette dann besonders gut ist, wenn sie in ihrer Achse steht? Tanzt er besser, wenn er nun seine Silhouette, mit der eines Nurejew beispielsweise, vergleichen kann? Und wenn als Kriterium für Sprünge beispielsweise die Elastizität der Schulterlinien ermittelt wurde und die Farbe seiner Balkengrafik dem Probanden signalisiert, dass er noch nicht das gewünschte Maß an Lockerheit erreicht hat, bleibt immer noch die Frage, warum das so ist. Aber dafür wird's im Computerprogramm sicher in Zukunft eine multiple Choice-Auswahl geben. Dann wird nicht nur der Choreograf überflüssig, sondern auch der Ballettmeister. Warum nicht gleich der Tänzer? Man könnte doch dem perfekten Tanz-Roboter zuschauen - bei was allerdings? Denn Technik ist nur die Voraussetzung für die hohe Kunst des Balletts. Der Roboter ist definitiv als Animation im Film besser aufgehoben. Als Terminator.

Ute Fischbach-Kirchgraber

Inhalt 5/2011 September-Oktober

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