4/2012 Juli-August

EDITORIAL

Wie viel Theater braucht das Ballett?

Theater ist wenn A vor B in der Rolle von C auftritt, so in etwa ist die Definition der Theaterwissenschaftler was Theater angeht. Wie viel davon ist nun relevant für das Ballett? Wenn man mal vom kultischen Ursprung des Tanzes absieht, dann kann das Ballett eine ganze Prise Theater gebrauchen.

Nicht umsonst sind die Handlungsballette die Klassiker auch in der Beliebtheit des Publikums.

Herausgelöst aus dem rein dekorativem Zwischenspiel der Oper hat sich da der Tanz zu etwas völlig Eigenständigem gemausert. Das Ballett erzählt eine ganze Geschichte und das Publikum lässt sich nur zu gerne gefangen nehmen. Die Gefühlswelt der Musik wird erweitert durch einen Bewegungskanon, der allgemein verstanden wird. Jeder versteht auf Anhieb die Tragik von „Schwanensee“, die üblen Machenschaften des bösen Zauberers, die Verzweiflung des verzauberten Mädchens und des getäuschten Prinzen. Das hat eine Wucht wie ein antikes Drama. Natürlich hat sich der Tanz seit Petipa weiterentwickelt, haben sich die Formen verändert, sind eckige und winklige Bewegungen dazugekommen. Und dennoch, gilt nach wie vor was Samuel Behr bereits 1713 in seiner „Kunst zu tanzen“ sagt: „Ein Ballett ist eine von der Music begleitete und aus unterschiedlichen Personen bestehende Vorstellung desjenigen, was man sonst in denen Trauer- und Lustspielen redend, in denen Opern aber singend aufführet, also, dass vermittelt Gewissen und nach der Kunst eingerichteten geometrischen Schritten und symmetrischen Figuren nicht alleine unterschiedene vernünftige und unvernünftige Handlungen, sondern auch Gemüts-Neigungen und allerhand andere Dinge so deutlich dargestellt werden, dass der Zuschauer ohne Mühe erraten kann, was man meine.“


Was aber, wenn das Publikum nicht mehr in der Lage ist zu verstehen, um was es geht? Wenn die
Formensprache so privat wirkt, dass nur Eingeweihte mitkommen? Wenn das Experimentelle sich so speziell gestaltet, dass es geradezu beliebig interpretierbar ist? Wenn man die Rolle und damit die Bedeutung nicht mehr erkennen kNatürlich können Effekte etwas Wunderbares sein. Aber in einer Anhäufung selbiger ist es dem Zuschauer überlassen, seine Assoziations-Möglichkeiten einzubringen. Das bedeutet, dass jeder womöglich etwas anderes interpretiert. Das gemeinsame Sinnstiftende geht verloren. Ballett wird damit einer Kunstkonzeption untergeordnet. Tanz spielt dann nicht mehr die Hauptrolle, sondern fällt zurück ins Dekorative. Und das ist schade. Denn Ballett kann mehr.

 

Ute Fischbach-Kirchgraber

Inhalt 4/2012 Juli-August

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